Es ist noch nichts passiert, und doch ist alles anders – Großbritannien nach dem Referendum

Der 24. Juni, der Tag, an dem das Ergebnis des Referendums der Briten über den EU-Austritt bekannt gegeben wurde, ist inzwischen einige Wochen her. Das erste Gefühl der Überraschung und Ungläubigkeit, das an diesem Tag Großbritannien, Europa und die Welt erfasste, hat sich gelegt und das Land ist nun nicht mehr, was es vorher war. Was hat sich verändert und was wird die Zukunft bringen?

Schon in den ersten Tagen nach dem Referendum stiegen die Zahlen rassistischer und ausländerfeindlicher Straftaten in Großbritannien. Polnische Familien fanden Karten mit der Aufschrift „Leave the EU, no more Polish vermin“ („EU verlassen, kein polnisches Ungeziefer mehr“) in ihren Briefkästen, Menschen wurden auf der Straße und im Bus beschimpft und aufgefordert ihre Koffer zu packen.

Anna kommt ursprünglich aus Polen und lebt mit ihrem britischen Ehemann und dem gemeinsamen Sohn in England. Am Morgen nach dem Referendum riet ihr ein Arbeitskollege, lieber das Zimmer zu verlassen, nachdem sie ihm sagte, dass sie für den Verbleib in der EU gestimmt hatte. „Leute, die ich seit Jahren kenne, umarmten mich und versicherten mir, dass ihre Stimme für ‚Leave‘ nicht persönlich gemeint war, aber ich konnte nicht verstehen, wie ich diese Seite an ihnen noch nie zuvor bemerkt hatte. Um ehrlich zu sein wurde mein Glaube an die Menschheit erschüttert. Die letzten 15 Jahre hatte ich vergessen, dass ich mit Akzent spreche, bis zu diesem Morgen.“

Inzwischen denken Anna und ihr Mann darüber nach, in ein anderes EU-Land umzuziehen, in Großbritannien fühlen sie sich schon jetzt nicht mehr wohl. „Es ist zu einem sehr grauen und traurigen Ort geworden.“ Es soll entweder zurück nach Polen gehen, oder nach Italien. „Ich leite eine erfolgreiche Musikschule, wir geben sechs anderen Mitarbeitern Arbeit und haben circa 200 Schüler. Mein Mann komponiert Musik für die Medien.” Das alles würde Anna aufgeben, um in einem anderen Land nochmal von vorne anzufangen. „Das Erste, was ich am Freitagmorgen nach dem Referendum getan habe, ist einen polnischen Pass für meinen Sohn zu beantragen. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal tun müsste.“

Auch Jenni bereitet der Anstieg der Ausländerfeindlichkeit in Großbritannien Sorgen. Sie ist Britin, lebt jedoch seit 15 Jahren in Deutschland. Ihr Sohn kam dort mit einer Behinderung zur Welt. Nachdem das Ergebnis des Referendums bekannt geworden war, fühlte sie sich verraten. „Ich hatte das Gefühl, als ob mein Land mich als ‚dreckigen Migranten‘ gebrandmarkt hätte, als die Forderungen lauter wurden, der Migration ein Ende zu setzen.“ Eine Rückkehr ins Vereinigte Königreich kommt für sie jetzt nicht mehr infrage. „Wenn ich von diesem Rassismus lese, frage ich mich, wann der Missbrauch und die Ausgrenzung von Leuten mit Behinderung anfangen werden.“ Um sicherzugehen, dass sie auch in Zukunft in Deutschland leben und arbeiten darf, beantragt sie nun die deutsche Staatsbürgerschaft für sich und ihren Sohn. „Die Deutschen haben uns bisher sehr herzlich aufgenommen.“

Josie ist Studentin der Europa- und Politikwissenschaften in London. Auch sie findet, dass sich ihr Heimatland nach dem Referendum zum Schlechteren verändert hat. „Ich habe das Gefühl, es gibt eine besorgniserregend große Gruppe an Leuten, die aus rassistischen Gründen für den Austritt gestimmt hat, und diese glaubt nun, dass das ‚Leave‘-Ergebnis ihre rassistischen Meinungen irgendwie gerechtfertigt hätte. Natürlich gab es auch vor dem Referendum Probleme, aber es fühlt sich so an, als ob die Stimmen der ‚Little-England‘-Mentalität seit dem Ergebnis sehr viel lauter geworden sind.“

Josies Freund ist Pole und lebt in Warschau. Nach ihrem Abschluss möchte sie gerne im europäischen Ausland leben. Das könnte in Zukunft nicht mehr so einfach sein. „Obwohl sich bisher noch nichts Konkretes verändert hat, habe ich das Gefühl, dass ich einige Pläne für mein Leben neu überdenken muss, die ich zuvor als selbstverständlich angesehen hatte. Muss ich jetzt zum Beispiel eine ‚nützliche‘ Fähigkeit erlernen, damit mich ein anderes Land reinlässt?“

Galerie: “March for Europe” am 3. September 2016 in London

Darüber, ob die Freizügigkeit in Europa in Zukunft noch gegeben sein wird, macht sich auch Katie Gedanken. Sie ist Britin und lebt mit ihrem argentinischen Freund in Argentinien. Sie erwarten gerade ihr erstes Baby. Katie sagt, sie wünsche sich für ihr Kind die gleichen Möglichkeiten und Freiheiten in anderen EU-Staaten zu leben, zu reisen und zu arbeiten, die auch sie selbst genossen hat. „Ich war mein ganzes Leben lang Europäerin. Das wurde mir nun genommen. Mein Kind wird jetzt niemals wissen, wie das ist“, sagt sie. „Als ich an diesem Freitagmorgen aufgewacht bin und gesehen habe, dass wir uns als Land dafür entschieden hatten, auszutreten, habe ich geweint, ich bin wirklich in Tränen ausgebrochen und habe geheult, weil ich all diese Möglichkeiten vor Augen hatte, die meinem ungeborenen Kind dadurch genommen wurden.“

Die Zukunftspläne der jungen Familie liegen nun erstmal auf Eis. Katie und ihr Freund möchten sich in Argentinien ein „Certificado de Convivencia“ ausstellen lassen, eine eingetragene Partnerschaft mit gemeinsamem Wohnsitz, dessen Äquivalent im Vereinigten Königreich nicht existiert, jedoch unter anderem in Spanien und in den Niederlanden. „Damit hätte er das Aufenthaltsrecht in gewissen europäischen Ländern, zusammen mit mir, seiner europäischen Partnerin. Aber jetzt, wo wir die Europäische Union verlassen, haben wir diese Möglichkeit nicht mehr.“ Großbritannien hat für Nicht-EU-Bürger striktere Einwanderungsgesetze als andere Mitgliedsstaaten, doch nach einer längeren Zeit in einem anderen EU-Mitgliedsstaat wäre ein Umzug nach Großbritannien kein Problem mehr. „Im Prinzip ist jetzt die einzige Möglichkeit, als Familie zusammenzuleben, zu heiraten, ein Konzept, an das wir beide nicht glauben.“

Bleibt das Ergebnis in Großbritannien ein Einzelfall oder wird es weitere Referenden und Austritte geben? Das hängt wohl auch davon ab, ob es den Briten gelingt, ihre neue Situation positiv für sich zu gestalten. „Theresa May scheint eine sehr pragmatische Person zu sein, deswegen denke und hoffe ich, dass sie sich darauf konzentrieren wird, den freien Handel im Europäischen Wirtschaftsraum zu erhalten, was auch mit Personenfreizügigkeit einhergehen würde“, sagt Josie. Was sie von David Davies halten soll, weiß sie noch nicht genau. „Ich weiß nicht viel über ihn, aber es scheint, als ob er bereits ähnlich forsche Behauptungen aufstellt wie zuvor Boris Johnson, dass wir alles, was wir möchten, erreichen können, ohne einen Kompromiss einzugehen, aber ich glaube kein bisschen, dass das stimmt.“

Jenni betont, wie wichtig die EU für den Frieden in Europa ist, und mahnt, die Vergangenheit nicht außer Acht zu lassen. “Es scheint immer mehr Unterstützung für immer lauter werdende rechtsextreme Gruppen zu geben. Wir müssen auf das Europa der 1930er zurückblicken und unsere Schlüsse daraus ziehen. Die Stimme der Vernunft muss gehört werden und Fakten, nicht Angst, müssen gewinnen.“

Wer die EU verbessern möchte, sollte das lieber von innen heraus tun, findet Katie. „Als Teil der Europäischen Union kann man immerhin sagen ‚Naja, wir finden das, das und das nicht gut, und wir möchten das ändern‘, anstatt sich aus der Affäre zu ziehen und zu sagen ‚Okay, mir reicht’s, ich bin raus‘. Ich glaube, das war eine unglaublich naive Entscheidung der britischen Bevölkerung.“

Sollte es trotzdem zu weiteren Volksabstimmungen kommen, kann Katie nur raten, auch wirklich zur Wahl zu gehen. „Sei nicht teilnahmslos. Denk nicht ‚Ach, meine Stimmt ändert nichts‘ oder dass die Nationalisten sowieso nicht gewinnen werden. Der einzige Weg, um für dein Recht einzutreten, Teil der Europäischen Union zu bleiben, ist aufzustehen und zur Wahl zu gehen.“

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Autorin

Anja Meunier (Deutschland)

Studium: Mathematik und Wirtschaft

Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch

Europa hat… schöne Länder, interessante Leute, einen tollen Lebensstil. Und muss zusammenhalten…

500px: Anja Meunier

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Author: Anja

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