Eurobarometer – Entwickelt sich das mit dem Ziel der Beobachtung eingeführte Instrument zum Interventionsinstrument?

Unsere Gesellschaft wird immer abstrakter und größer. In diesem Kontext kommt der Meinungsforschung eine wichtige Stellung zu, insbesondere, um die Eigenschaften der und die Einstellungen und Werthaltungen in der Gesellschaft zu erfassen. Daneben liegt die Bedeutung von Meinungsumfragen in ihrer Rolle als demokratisches Zwischenwahlinstrument. Auf europäischer Ebene wird diese Bedeutung nochmals verstärkt, da Umfragen neben den alle fünf Jahre stattfindenden Wahlen für die politischen Akteure eine wichtige Möglichkeit darstellen, die Meinungs- und Willensbildungsprozesse in Europa verfolgen.

Von Julia Mayer / 10.09.2019

Der Eurobarometer bietet als von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebene öffentliche Meinungsumfrage einen guten Anhaltspunkt, um die öffentliche Meinungsbildung zu verfolgen. Oftmals wird jedoch die sehr aktive Rolle in eben dieser Meinungsbildung kritisiert. So soll der Eurobarometer unter seiner wachsenden Relevanz nicht mehr nur ein Mittel für die Politik sein, sondern auch von ihr für eigene Zwecke eingesetzt werden.

Mit der Bezeichnung Eurobarometer sollte das Beobachtungs- und Prognoseziel betont werden. Jedoch findet das Instrument nur einen geringen Einsatz, wenn es um die Akzeptanz zukünftiger Entscheidungen geht. Viel häufiger konzentrieren sich die Umfragen und Auswertungen auf eine rückblickende Abbildung von Einstellungen zur Verfolgung des Meinungsbildungsprozesses.

Wie sieht das konkret aus?

Die Europäische Kommission stellt in regelmäßigen Abständen bestimmte Fragen mit stets gleicher Formulierung, selber Methodik und in allen Mitgliedstaaten. Im Rahmen der Auswertung der Ergebnisse gibt es drei Vorgehensweisen. Für die Interpretation der Ergebnisse können historische Vergleichswerte herangezogen werden. Daneben existieren die Möglichkeiten, einen Vergleich zwischen den Werten der Mitgliedstaaten herzustellen oder beide Wege zu kombinieren. Um eine räumliche und historische Vergleichbarkeit der Daten zu garantieren, wird der Wortlaut der Fragen und Antwortmöglichkeiten beibehalten. Jedoch wird dieser Grundsatz in Teilen durch die Übersetzungen in die unterschiedlichen Amtssprachen sowie Variationen in den Formulierungen durchbrochen. Selbstverständlich findet eine Übersetzungskontrolle statt, jedoch kann nicht abschließend garantiert werden, dass die Fragen in den verschiedenen Sprachen inhaltlich dieselbe Bedeutung haben.

Die Ergebnisse der Umfragen werden in den sogenannten Eurobarometer-Publikationen in thematischen Kapiteln zusammengefasst und mithilfe von Grafiken veranschaulicht. Kritiker merken an, dass die Auswertung stets in einer pro-europäischen Weise durchgeführt wird und dadurch lediglich ein positives Bild von der Entwicklung Europas abgibt. Dies sollte allerdings in Anbetracht des Aufwands, der zwei Mal im Jahr in allen Mitgliedstaaten betrieben wird, nicht der Fall sein. Die politische Bedeutung für die Europäische Kommission überstrahle hier jedoch den wissenschaftlichen Zweck. Als Geld- und Auftraggeberin bestimmt die Kommission über die Inhalte und Interpretation der Ergebnisse, womöglich zum Leid der wissenschaftlichen Gesichtspunkte.

Abschließend kann man sagen, dass sich das Instrument des Eurobarometers von seiner Gründerintention, nämlich der Erforschung der Einstellungen in Europas Bevölkerung entfernt hat und mittlerweile politisch instrumentalisiert und dadurch in seiner Aussagefähigkeit beeinträchtigt wird. Diese Entwicklung hängt sicherlich mit der Monopolstellung der Europäischen Kommission zusammen, die über Konzeption, Finanzierung, Durchführung, Interpretation und Publikation entscheidet. Daran anschließend stellt sich in weitergehender Betrachtung die Frage, ob politische Akteure Umfragen zur Bestätigung ihrer Politik durchführen sollten.

Weitere Informationen:

Nissen, Sylke: Eurobarometer in Bach, M./ Hönig, B. (Hrsg.): Europasoziologie – Handbuch für Wissenschaft und Studium, Nomos Verlagsgesellschaft, 1. Auflage 2018

Autor

Julia Mayer (Deutschland)

Studium: Public Management

Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch

Europa ist... eine Werte- und Friedensgemeinschaft, die in dieser Form einzigartig ist, uns verbindet und unerlässlich für unser Zusammenleben ist.

Illustrator

Daria Subkhangulova (Russland)

Sprachen: Russisch und Englisch

Job: Illustrator

Europa ist… Vielfalt und Freundschaft.

 

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Author: alessandra

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